• Ich bin zu spät eingestiegen, um die alte Art des Micronalismus noch erlebt zu haben. Vielleicht könnt ihr beide, Jonas und Monsieur Reis, uns etwas von der alten Zeit erzählen? Mich würde es wirklich interessieren, wie es früher war.

    Ganz einfach: Niemand hat es komisch gefunden, dass die Leute selber kreativ werden und etwas vielleicht nicht ganz professionelles produzieren anstatt nur langweilig existierende Youtube-Videos wiederzuverwenden. ;)

  • Naja, dass man bei der Tour de France nicht statt mit einem Fahrrad auch mit einem Formel-1-Auto mitfahren darf, ist in irgendeiner Weise auch einschränkend. Aber im Sinne der Vergleichbarkeit vielleicht trotzdem besser so.

  • Na toll, durch das "wie es früher war" fühle ich mich jetzt alt, danke ;)


    Ich habe nicht den Eindruck, dass sich wirklich großartig was an der Art, eine MN zu simulieren, geändert hat. Ich würde statt des Begriffs "PoC" lieber den mir gebräuchlicheren Begriff der "ID" verwenden.


    In ganz alten Zeiten gab es Nationen, in denen es verpönt war, wenn eine RL-Identität mehrere verschiedene IDs (Charaktere) führte. Andere wiederum hatten damit nie ein Problem.

    Seit geraumer Zeit gibt es auch in Pottyland Haupt- und Neben-IDs. Lord Reis ist seit jeher meine Haupt-ID, die interµnational auftritt und immer präsent war/ist.


    Aber, um beim Thema des Songcontests zu bleiben: Ich hatte damals einen Beitrag als "Lord Reis" eingesandt, der komplett aus meiner eigenen Hand stammte (vom Songwriting bis zur Aufnahme). Zusammen mit einem weiteren hohen pottyländischen Tier (nicht der König) hatten wir das Rockabilly-Projekt "Rick Bread and the Bakers" ins Leben gerufen, bei dem wir uns zusammen über die Songs Gedanken machten, er den größten Teil der Aufnahmen, Kompositionen und Produktionen übernahm und ich nur ein paar Gitarrenspuren einspielte. Damit hatten wir nicht "zwei Beiträge von mir", sondern einen von mir und eine Gemeinschaftsproduktion - welche, nebenbei erwähnt, so gut ankam, dass sie fast jeden Contest gewinnen konnte ;)


    Klar simulieren wir auch Charaktere, die wir nicht im echten Leben sind. Das ist ja der Sinn dahinter. Unser König ist IRL auch kein richtiger König. Aber man hat eine spezielle Verbundenheit zu seiner ID. Lordi hat viel von dem Menschen, der IRL dahinter steckt. Dafür gibt es dann Neben-IDs, die beiweitem nicht so handeln oder reden, wie ich es tun würde. Da hat sich nichts geändert, das war schon immer so.


    Aber der Grad dessen, wie etwas aussimuliert wird, ist eine Geschmacksfrage. Während einige Leute schon damals gesagt haben "Meine Band geht jetzt auf Welttournee! Hier unsere Songs" und einfach fremde Videos oder Songs zum Download anbot, habe ich genau ein Konzert in Svaerrike gegeben, auf dem tatsächlich nur Sachen (per Streaming) wiedergegeben wurden, die ich selbst aufgenommen und produziert habe.


    Das ist nicht einmal ein MN-Generationen-Problem. Es ist mehr ein philosophisches Problem, wie man an die Simulation herangeht (was im Hinblick auf das Urheberrecht auch eine sehr interessante Frage ist. Ich bin Purist. Wenn ich sage "Ich nehme an einem Songcontest teil", nehme ich mit meinem eigenen Song teil und finde es traurig, wenn ich gegen Linkin Park, P!nk oder Lady Gaga antrete. Das ist in meinen Augen kein Songcontest, weil da der Eigenanteil fehlt.


    Ohje, schon wieder so ein langer Beitrag ^^

  • Ich denke auch, dass das einfach ein Unterschied in der Spielkultur ist, und dass sich in diesem Punkt die meisten MNs noch so verhalten wie sie das immer getan haben. Ein "MN-Generationen-Problem" ist es höchstens insofern als dass mir das Phänomen von Staaten wie Livornien, die einen extremen Fokus auf Rollenspiel und Realismus legen (und es konsequenterweise vermeiden, sich MN zu nennen), noch relativ neu vorkommt.


    Diese andere Spielkultur kann ich logisch auch nachvollziehen. Wenn man strikt auf Realismus bedacht ist, dann nimmt ein (Ex-)Außenminister nicht an einem Songcontest teil und lässt sich bei einem Fußball-WM-Spiel einwechseln. Und dann tritt auch bei einem Songcontest kein Kandidat an, der keine absolut professionelle Performance darbieten kann. Ich muss anerkennen, dass das alles seine innere Logik hat. Aber dafür geht der Community-Aspekt der MNs verloren, der auch simon immer mit reinspielt und für mich die MNs zu dem macht, was sie sind, und das ganze wird eher steril und unpersönlich. Aber das ist eben eine Geschmacksfrage.


    Bei einem Songcontest konkret wäre ich wirklich gespannt, welche Werke sich verschiedene Spieler ausgedacht und eingereicht haben, und hätte sicher auch Spaß daran, an der Veranstaltung teilzunehmen und über die Darbietungen zu reden. Wenn es nur ein Thread voller Youtube-Videos ist, dann würde ich ihn ehrlichgesagt wahrscheinlich sogar ungelesen links liegen lassen.

  • Vielen Dank für eure ausführlichen Antworten. Ich möchte hier übrigens auch in keiner weise kommen und sagen "meine Auffassung ist die beste". Es ist wohl Geschmackssache. Wenn ich mich als Radfahrerin für ein Rennen oder als Trainerin an eine Fußball-WM anmelde, wird mein Erfolg über ein Setzsystem berechnet. Ich selbst kann ja weder eine Profietappe auf dem Velociped abstrambeln, noch dieses runde Ding handeln. Das Setzsystem nimmt mir das ab. So etwas könnte man ja auch im Songcontest machen: Die Teilnehmer beschreiben ihren Auftritt möglichst kreativ (ohnehin ist der Umgang mit dem Text die Stärke der VNs/MNs, wie man sie nennt) und ein Setzsystem bestimmt ihren Erfolg. Wenn jemand die Fähigkeit hat, selbst Songs zu erstellen, ist das natürlich cool. Beschränkt man das Teilnehmerfeld aber auf sie, dürften eher wenig mitmachen.

  • Und selbst beim Fußball-Setzsystem gibt es Leute, die sich damit auskennen, und andere, die es nicht tun. Es ist ja kein Zufall, dass in der Endrunde immer wieder dieselben Namen auftauchen und andere regelmäßig in der Vorrunde ausscheiden. Das schöne ist aber, dass auch letztere immer wieder mitmachen und auch bei chronischem sportlichen Misserfolg oft mehr zur Stimmung beitragen als andere.


    Wenn es gelänge, diese "Dabei sein ist alles"-Mentalität auf den Songcontest zu übertragen, könnte es dort genauso laufen. Ich sehe natürlich ein, dass die Hemmschwelle, sich musikalisch zum Kasper zu machen schon noch höher ist, und ich weiß nicht, ob ich selber einen Beitrag zustandebringen würde (auch eine Zeitfrage). Aber rein prinzipiell gehe ich schon davon aus, dass die allermeisten von uns zumindest eine Stimme und irgendein Gerät, um diese aufzunehmen, haben. Nicht können stimmt also eigentlich nicht, es ist höchstens ein nicht gut können. Aber nicht gut können stört bei der Fußball-WM auch niemanden.


    Deinen Ansatz für ein Musikfestival kann man natürlich auch nehmen, dagegen spricht überhaupt nichts. Aber das hat dann eben einen komplett anderen Charakter und spricht wahrscheinlich einen anderen Spielerkreis an.

  • Warum lassen wir einfach nicht beides zu? Dass jene Beiträge mehr Sympathien einbringen, die Selbstgemachten, ist doch wohl klar und vielleicht sind nächstes Jahr mehr Leute motiviert eigene Songs zu kreiren.

    Wir scheitern ja momentan bereits mal wieder an einem Contest generell.


    Mir zB (und sicherlich auch anderen) fehlt es wirklich an Zeit. Mir persönlich geht es nicht ums Gewinnen, ob eigener Beitrag oder nicht, sondern um die Simulation. Ein Event, das uns wieder Näher zusammenrücken lässt. Vorallem jene, die sich nicht für Fußball interessieren ;)